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„Der Krieg nach dem Krieg“ Frühe Arbeiten. Hommage posthum an Gerd Winner

Anlässlich des Geburtstags von Gerd Winner, der am 8. Oktober 2026 neunzig Jahre alt geworden wäre und am 26. April 2026 verstorben ist, zeigt diese Ausstellung, die von Professor Dr. Rainer Mordmüller persönlich kuratiert und veranstaltet wird, eine Auswahl früher Arbeiten aus den Anfängen seiner künstlerischen Entwicklung. Die kleinformatigen Zeichnungen gewähren einen Einblick in die kraftvolle Bildsprache dieser frühen Schaffensphase.
Sozusagen aus dem Nichts entstand etwas Großes mit einer erstaunlichen künstlerischen Kraft.
Zunächst aber zurück in die Kindheit, die sein späteres Leben stark prägen wird. In seinen eigenen Worten:
„Wenige Monate nach der Einschulung am Bültenweg in Braunschweig im Jahr 1942 wurde infolge der nächtlichen Bombenangriffe auf die Stadt die Schule evakuiert. Auf dem Braunschweiger Bahnhof stand ein Sonderzug nach Jerxheim, der uns zu fremden Leiheltern bringen sollte. Meinem Vater gelang es, in Gesprächen mit dem Rektor der Schule, mich aus dem Zug zu holen. Meine Pateneltern in Ehmen bei Fallersleben hatten sich bereit erklärt, mich aufzunehmen. Mein Onkel war Bahnbeamter auf dem Güterbahnhof Ehmen, zu dem das Tanklager für die Braunschweiger Flugplätze gehörte.
Die erzwungene Trennung von den Eltern blieb eine nachhaltige Erfahrung. Im Rückblick verwundert es mich, dass die Alliierten das Kerosinlager in Ehmen nicht bereits früher entdeckt hatten. Über dem gesamten Bahnhofsgelände war ein Tarnnetz aus Plastik gespannt, um den Flugaufklärern zu entgehen. In der Nacht 1944 weckte mich meine Patentante mitten in der Nacht und führte mich unter Tränen an ein nach Westen hin geöffnetes Fenster und zeigte mir die Feuerwand über der Stadt Braunschweig.
In größter Angst um die Eltern versuchten wir zu beten. Während der ganzen Nacht stand das Feuer am Himmel. Ich danke heute noch, dass ich meine Eltern wiedergefunden habe. Mit den Eindrücken eines unvorstellbaren Krieges verlor ich das Ursprüngliche mit acht Jahren.“ Zitat Ende
Die Eltern sind beide tiefgläubig, was sie Annemarie, der acht Jahre älteren Schwester und Gerd mitgegeben haben. Die Mutter stammt aus Kaschubien und der Vater aus Bayern. Beide sehr warmherzig und hilfsbereit. Sie wohnen am Altewiekring, nicht weit von meinem damaligen Zuhause in der Husarenstraße.
Bis zum Ende seines Lebens ist Gerd Winner gläubig, auch in intellektuell bewegten aufgewühlten Zeiten ist er dem Glauben unerschütterlich verbunden geblieben.
1947 wird Gottlieb Mordmüller, mein Vater, der Kunstlehrer von Gerd Winner am Gymnasium Raabeschule, für neun Jahre, bis zum Abitur. Er versteht es, eine Faszination für Kunst zu vermitteln, die für viele Schüler einen Zugang zur künstlerischen Gestaltung und Auseinandersetzung vermittelt. Er fuhr mit seinen Schülern nach Kassel zur Documenta und nach Hamburg, um Ausstellungen von Picasso und Chagall im Original zu erleben und nach Hannover in die Kestner-Gesellschaft, in der damals die Avantgarde, vor allem aus Paris ausgestellt wurde.
Im Städtischen Museum wird unter Otto Stelzer Max Beckmann gezeigt, ganz gegen den Trend. Der Sohn Dr. Peter Beckmann bietet der Stadt an, wenn ein Bild von der Stadt Braunschweig angekauft würde, gäbe er das gesamte Frühwerk seines Vaters als Dauerleihgabe nach Braunschweig. Leider hat die Stadt dieses Angebot nicht angenommen. Rolf Schmücking holt Hans Hartung aus Paris zu einer umfassenden Ausstellung seines Werkes in den wunderbaren oberen Ausstellungsräumen des Museums. Das Haus Salve Hospes zeigte anregende Ausstellungen unter der Leitung von Otto Stelzer, Peter Lufft und Rolf Schmücking.
Neue Wege geht Gottlieb Mordmüller zudem mit dem Aufbau einer Marionettenbühne an der Raabeschule, die im Fernsehen in Hamburg und München Auftritte hat.
Das Marionettentheater spielt auch für Gerd Winner eine große Rolle. Mit Reinhard Wagner zusammen und Peter Ackermann entstehen groteske Szenen experimentellen Figurenspiels. Dieser Umgang mit der Figur, zusammengefügt aus vielen Teilen, oft objets trouvés aus unterschiedlichsten Materialien, beeinflusst den eigenen Zugang zur Erfindung des menschlichen Körpers.
Mit unglaublichem Weitblick erkennt Gottlieb Mordmüller die Begabung seines Schülers, als seine künstlerische Kraft noch nicht offensichtlich ist. An seinem achtzigsten Geburtstag überreicht er Gerd Winner eine Schülerzeichnung aus der 5. Klasse, die er aufbewahrt hatte. Die Dankbarkeit seinem Lehrer gegenüber zeigt sich anlässlich der regelmäßigen Besuche in den Semesterferien, bei denen er immer mit einer neuen Arbeit unter dem Arm kam, um sie ihm zu überreichen.
1955 macht Gottlieb Mordmüller mit der Unterprima der Raabeschule eine Klassenfahrt nach Paris. Gerd Winner schreibt: „Wärme im Februar, nach den Torsi der deutschen Stadträume, nun eine vollkommene Stadt, Utopia, Fremdheit und Vertrautheit. Die Außen- und Innenräume verströmten Wärme. Besuch in den unzähligen Museen mit verwunderten Erlebnissen in den Welten der Kunst. Robert Delaunays Bilder der Stadt drangen in mein Bewusstsein ein, wie ein Blitzschlag. Niemals hatte ich ein solches Kunsterlebnis verspürt. Unvorhergesehen wuchs eine Lust auf Kunst. Zurück in Braunschweig begann ich zu malen, neben den Abiturvorbereitungen. Oft malte ich am frühen Morgen, auf Zeitungspapier mit einfachen Deckfarben. Erst nach dem schriftlichen Abitur zeigte ich die Papierarbeiten Gottlieb Mordmüller, der etwas verwundert diese Gouachen sah und nach der Entstehung fragte. Die Abiturjahrgänge zeigten eine Auswahl ihrer Unterrichtsergebnisse im Foyer des Treppenhauses der Raabeschule, von Mordmüller ausgesucht für eine Ausstellung. Beim Durchsehen meiner Blätter hörte ich zu meinem großen Erstaunen, dass diese Mappe als Bewerbungsunterlage bei einer Kunstakademie Erfolg haben könne. Zu meiner Absicherung fragte ich nach und erhielt die gleiche Antwort.“
1956 ging es nach der bestandenen Aufnahmeprüfung zum Studium nach Berlin, bepackt mit großen Koffern, einer gefüllt mit einem Federbett, denn die Berliner Winter sind eiskalt. Berlin, die Frontstadt des kalten Krieges, zeigte nachhaltig ihre Wunden. In den Kellern der Ruinen am Nollendorfplatz hausten 1956 Menschen. An der Kunstpädagogischen Abteilung der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in der Grunewaldsstrasse begann ein neuer Abschnitt. Die Vorbilder, unsere Lehrer waren aus Krieg und Gefangenschaft zurückgekehrt, sie stellten die wirkliche Welt in ihren informellen Bildwerken infrage: Fred Thieler, Gerhard Fietz, Walter Laves, Werner Volkert, Kurt Lahs, Juro Kubicek schufen nonfigurative Abstraktionen. Mac Zimmermann entwarf surreale Welten. Bereits im dritten Semester erhält Gerd Winner ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes – vollkommen außergewöhnlich!
1961, nach bestandener Aufnahmeprüfung für die Akademie, nahm mich Gerd Winner mit nach Berlin und unter seine Fittiche. Von da an lebten und arbeiteten wir zusammen mit Reinhard Wagner in einer großen Berliner Wohnung. Ich blieb – fünf Jahre jünger- immer der Jüngste. Wir hatten eine riesige Wohnung in der Ettaler Straße, gleich hinter dem KaDeWe. Wohnraum zu finden war leicht, wer konnte, zog nach Westdeutschland, machte in den Westen, wie die Berliner sagten. Ruinen überall, viele arme alte Menschen.
Berlin wurde zum Schaufenster des Westens gemacht und die Kultur wurde von Bonn aus stark gefördert. Zudem hatte Berlin für viele Künstler große Anziehung. Beeindruckendes Theater im Westen im Schillertheater spielten Ernst Deutsch, Curt Bois, Carl Raddatz, Therese Giese, großes Theater im Osten am Schiffbauer Damm Theater mit Bert Brecht und Helene Weigel.
In Dahlem war damals die Gemäldegalerie mit den Alten Meistern, die wir regelmäßig besuchten, um von diesen Alten Meistern zu lernen, ihre Geheimnisse zu erkunden, zu erforschen, was ist die Kunst, was bringt uns dazu, sie immer wieder aufzusuchen? Das machten wir immer wieder, auch in Braunschweig im Herzog Anton-Ulrich-Museum vor Rembrandts Familienbildnis zum Beispiel, wie vor uns schon Max Liebermann und Max Beckmann.
Betrachten wir diese Miniaturen der ersten Berliner Jahre, entstanden in den Jahren 1956, 1957, da war Gerd Winner 19, 20 Jahre alt. Die Zeichnungen sind kleinformatig und schwarz-weiß. Es sind Rohrfederzeichnungen mit schwarzer Tusche entstanden oder Filzstiftzeichnungen, etwas ganz Neues zu dieser Zeit. Sie bestehen aus Linien, die lebendig auf der Fläche vibrieren, mal als einfache Spur, Punkt, Punktansammlungen. Mal sieht man Linienbündel, mal parallele Strichlagen, mal formgebend. Die Linien sind in sich variierend, dick – dünn, schmal – breit, fest – hingehaucht, vom schwachen Grau zum tiefen deutlichen Schwarz. Die Linien entwickeln ihre Dramatik, indem sie spitz zulaufen, gebogen oder straff gespannt sind.
Die große Mehrzahl der Bilder ist im Hochformat, das heißt: Bewegung, Dynamik, Unruhe im Gegensatz zum Querformat, das eher das Ruhende widerspiegelt.
Es sind Figuren erkennbar: Einzelne, Paare, Gruppen, die miteinander verbunden sind, vor- und hintereinander, raumgreifend, marionettenhaft. In der Tiefe sind manchmal Landschaft, Häuser, Kirchen erkennbar. Die Figuren sind gelegentlich von Strahlen umgeben, wie Feuer, wie Flügel, wie Flammen – keine Gesichter.
Brüste, Brustkörbe, Gerippe lassen sich deuten, Skelette, Gehängte, ein Totentanz lässt sich assoziieren.
Das Aktzeichnen war Grundlage und Pflicht bei unsrem Professor, genauso wie das Tierzeichnen im Zoologischen Garten, das Pflanzenzeichnen im Botanischen Garten. Damit sollte der Formenreichtum entwickelt werden, Raum begriffen werden,
Einige unserer Vorbilder waren Pablo Picasso, Max Beckmann, Robert Delaunay und Henri Matisse.
Diese hier gezeigten Beispiele waren der Anfang der künstlerischen Entwicklung von Gerd Winner, sozusagen aus dem Nichts und dann gleich so kraftvoll und mit klarem Zugriff.
Lothar Romain schreibt 1980 über Gerd Winner:
1969/1970 begann Gerd Winner mit seiner berühmten London-Serie… Ein Künstler zog aus mit der Kamera als Skizzenbuch, um Stadt- und Kulturgeschichten zu betreiben. Ihn interessierten nicht die Fassaden, die mit Hilfe von Schaufenstern und Neonröhren Geschäftigkeit signalisierten, sondern z. B. die teils funktionslos gewordenen Lagerhäuser, die scheinbar noch intakten und doch schon ruinösen Denkmäler der Gesellschaft, die an sich selbst keine Vergangenheit, sondern nur Zukunft erkennen will. Feuertreppen, Feuerleitern, Feuertüren, Notausgänge, die Zahl der Sicherungsinstrumente ist in den dargestellten Hafengegenden besonders groß und auch grotesk im Kontrast zum Zerfall dessen, was mit ihrer Hilfe vor Zerstörung eigentlich bewahrt werden sollte.

Es folgten Reisen in die Welt, nach Paris, London New York, Tokio. Von diesen Reisen brachte Gerd Winner reiche Anregungen und viel Material mit, das in zahlreichen Siebdrucken ihre Resonanz fand. Die Zusammenarbeit mit Chris Prater in London war anregend und fruchtbar, gleichzeitig die Begegnung mit englischen und internationalen Künstlern.
Josef Adolf Schmoll genannt Eisenwerth schreibt 2006 in dem Band: Gerd Winner Berlin New York, der anlässlich der Ausstellung im VW Automobil Forum in Berlin stattfand, Dank an Hans Geotg Ahrens, über die Städtebilder:
In Gerd Winners Bildern sind die Gegensätze nicht aufgehoben, sie können noch in den sich durchdringenden Architekturen nachempfunden werden. Winner nimmt lapidare Abbreviaturen für Stadtkerne – wie in der Frühzeit der Stadtdarstellungen. Dankt man an El Grecos „Toledo im Gewitter“ und Jan Vermeers “Ansicht von Delft“, so erkennen wir in diesen klassischen Städtebildern, was auch Gerd Winner bewegt: die Gewitterstimmung und das Fiebrig-Expressive drücken sich mit anderen Mitteln und in anderer Zeitlage – doch auch genauso in seinen „Urbanen Strukturbildern aus, wie andererseits auch die kühle Distanziertheit, Sachlichkeit und Objektversessenheit (Roters), dort mit der Camera Obscura, hier mit dem Fotoapparat vergewissert werden.
Er zwingt die Kontraste in seinen Bildzyklen der Metropolen künstlerisch zusammen in ihrer Vielschichtigkeit und in ihrer sich wandelnden Geschichtlichkeit. Sie bieten nicht nur vehemente optische Farb- Formspiele und – wunder, sondern auch bedeutungsschwere Denkfiguren. Zitat Ende
In den letzten Jahrzehnten wurde unsere Verbindung immer näher, Wir reisten mit unseren Studenten aus München und Osnabrück nach Venedig, wo wir im Atelier der Scuola Internazionale di Grafica intensiv arbeiteten. In den Kirchen und der Accademia zeichneten Gerd Winner und ich vor den venezianischen Malern: Tizian, Strozzi Tintoretto, Veronese, Tiepolo. Wir reisten viele Male nach Paris und ließen uns von der Kultur der Stadt anregen.
Eckhart Schimpf schreibt in seinem Nachruf: „Aus der Welt zurück in die Heimat: Gerd Winner, der Maler, Grafiker – und Bildhauer, starb am 8. April 2026 im Alter von 89 Jahren in Liebenburg, wo er seit 1974 ein Schloss als inspirierenden Arbeitsplatz und Wohnort besaß. Dass unter dem Dach dieses ehemalige Fürstbischofssitzes auch eine prachtvolle Barockkirche integriert ist, erwies sich als bereicherndes Himmelsgeschenk. Winner war ein Künstler von internationalem Format, wie es in unserer Stadt wohl noch keinen gegeben hat. “
In den letzten Jahren ist Gerd Winner mehr und mehr zur Zeichnung und zur Figur zurückgekehrt. Ein Kreis schließt sich. Die Gegenüberstellung dieser ersten frühen Arbeiten und den in den letzten Jahren entstandenen figürlichen Zeichnungen würde sich lohnen.
Malerei, Zeichnung, Radierung, Lithographie, Siebdruck, Plastik in unüberschaubarer Fülle.
Welch ein Lebenswerk!
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