„Musica Ritrovata“ (Wiedergefundene Musik) - Das Ensemble „Musica Ritrovata“ spielt zu Unrecht vergessene Musik

06.09.2019 um 19:30 Uhr | Goldener Saal mit Raum 6

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Ein geradezu riesiges Musikangebot steht in Bremen für interessierte Zuhörer bereit.

Bei näherem Zusehen fehlen allerdings bestimmte europäische Länder und deren Musiktraditionen oder sind doch nur selten anzutreffen.

Die Konzertreihe „Musica Ritrovata“ versucht, unbekannte, aber hörenswerte Musik aus verschiedenen Epochen im Kontext ihrer jeweiligen Zeit so zu präsentieren, dass im Hören dieser Musik auch darüber hinaus der künstlerische und gesellschaftliche Zusammenhang deutlich werden kann.

Im Zentrum des ersten Konzertes an 06. September um 19.30 Uhr stehen die in unserer Zeit so gut wie unbekannte Komponistin Elisabeth Jacquet de la Guerre (1625-1729)   und der heute noch weithin bekannte Dichter von Fabeln Jean de la Fontaine (1621-1695), sozusagen in einem Gespräch zwischen Künstlern. Elisabeth de la Guerre war als Kind schon so angesehen, dass sie in Versailles vor Ludwig XIV. spielen durfte, im Gegensatz zu La Fontaine, der am Hofe des Sonnenkönigs nie einen Fuß auf den Boden brachte

Das wird verständlich, wenn man seine Fabeln hört oder liest, die kritisch, vielleicht sogar gesellschaftskritisch daherkommen. Die im ersten Konzert gelesene Auswahl seiner Fabeln spricht über Menschen, deren Schein mehr ist als ihr Sein, oder zumindest, dass sie mehr sein wollen als sie können. Das aber ist genau die zentrale Frage, die die Kantate „Semelé“ von Elisabeth de la Guerre aufwirft, wenn Semelé Zeus in seiner göttlichen Erscheinung sehen will, dabei aber zugrunde geht. Sind die beiden Künstler doch nicht so weit voneinander entfernt?

Das Konzert stellt Musik einer Frau vor, die früh erfolgreich und dann vergessen war und einen Mann, der zunächst  keinen Fuß auf den Boden bekam, dann aber eine deutliche Spur in der Geschichte hinterließ. Vielleicht verbindet die beiden mehr als es auf den ersten Blick erscheint. Dass die Musik von Elisabeth Jacquet de la Guerre bis heute nahezu unbekannt ist, hat  seine Ursache wohl in der Tatsache, dass eine Frau als Komponistin kaum vorstellbar erschien. Noch Fanny Mendelsson Hensel veröffentlichte eigene Werke auch unter dem Namen des berühmten Bruders Felix.

Viele Kompositionen der Barockkomponistin  sind verschollen, so z.B. ihre beiden Opern. Das, was blieb, ist es allemal wert, den Auftakt von Konzerten zu machen, die in ihren Programmen ganz bewusst den Schwerpunkt darauf setzen, (fast) vergessene Musik wieder aufzuführen, damit sie auch weiterhin wiedergefunden wird, also „Musica ritrovata“ ist.

Es musizieren Karin Gyllenhammar (Sopran) und das Ensemble „Musica Ritrovata“ mit Ursel Kessl und Bodo Lönnartz (Violinen), Jenny Westman (Gambe), Hans-Dieter Renken (Cembalo)

Dass Bremens ehemaliger Bürgermeister Henning Scherf sich spontan bereit erklärt hat, die Lesung aus La Fontainess Fabeln zu übernehmen, erfreut die Veranstalter ganz besonders.

Das 2. Konzert  am 22. Oktober 2019 steht unter dem Titel „Die Folgen eines Krieges: und stellt die schwedische Königin Christina (1621-1689) und die Musik und Kunst  an ihrem Hof in Stockholm und in ihrer römischen Zeit in den Mittelpunkt.

Als ihr Vater Gustav II. Adolf in der Schlacht bei Lützen fiel, war Christina gerade fünf Jahre alt. 1644 übernahm sie als Achtzehnjährige die Regierungsgewalt in Schweden, die sie für eine Hofhaltung nutzte, die zu den prunkvollsten in Europa gehörte. Ihr Interesse an Macht- und Regierungsgeschäften war so gering , dass sie 1654 abdankte, sich nach Rom zurückzog, zum Katholizismus konvertierte, um sich dann dem zu widmen, was sie in Schweden schon zu einer bisher unerhörten Blüte gebracht hatte: Musik, Kunst, Theater, Literatur und Tanz.

Von Christina ist der Satz überliefert: „Wer seinen eigenen Weg geht, braucht keine Karte.“ – Ein Satz, der das große Selbstvertrauen ausdrückt, mit der sie die Zeit ihrer Regentschaft in Schweden, aber auch ihr „Leben danach“ bestimmte. Während dieser ganzen Zeit wurde ihr eigener Weg immer mehr durch Theater, Malerei und Musik geprägt und war von der Überzeugung geleitet, dass diese letztlich mehr den Menschen eine Basis geben als das Politik vermag.

Das Konzert stellt Musik am schwedischen Hof zur Zeit Christinas vor, Beispiele der musikalischen Stationen ihrer langen Reise nach Rom, schließlich Musik aus ihrer römischen Zeit vor. Ihre Musik wird  in Verbindung gebracht mit der Malerei dieser Zeit.

Das Ensemble „Musica Ritrovata“ stellt Komponisten vor, die im Umfeld der Stationen des Lebens der schwedischen Königin wirkten. Erläuterungen zu Kunst und Malerei, verdeutlichen die Atmosphäre, die Christina geschaffen und in der sie gelebt hat.

Es musiziert wieder das Ensemble „Musica Ritrovata“ mit Ursel Kessl und Bodo Lönnartz (Violinen), Jenny Westman (Gambe), Hans-Dieter Renken (Cembalo)

Dorothee von Harsdorf stellt die Kunst, vor allem die Malerei im Umfeld Christinas von Schweden vor. So entsteht ein Bild der Kultur dieser Zeit, in der auch unterschiedlichste  Formen von Musik entstehen und sich fortentwickeln.