Cristina Collao/Koyao - Andersheit,Gleichheit und Bestialität

07/06/2019 bis 13/07/2019

Öffnungszeiten: Mo-Sa 11-13 Uhr & Mo-Fr 16-20 Uhr

07.06.2019 um 19:30 Uhr | alle Räume

Eros Tanatos

Begrüßung: Helge-Baruch Barach-Burwitz
Einführung: Daniel de Olano
Texte und Musik: Alvaro Solar
Akkordeon: Thomas Krizsan

Statement Cristina Collao (Koyao)

Die transzendentale Erfahrung, das Ganze als eine Einheit zu verstehen, in der unzählige Lebensäußerungen verflochten sind - wie Dimensionen, die überlagert oder aneinandergereiht sind -, ist für mich eine magische Annäherung an die Bedeutung der Existenz.

Es ist mir durch das Malen gelungen, diesen Winkel der Realität einzufangen, der sich in den subtilsten Bereichen der Wahrnehmung manifestiert. Ein Bild mit den Werkzeugen der Malerei zu erschaffen, ist für mich ein bedeutsamer Akt, durch den ich die immanenten und flüchtigen Komponenten der Existenz erfassen möchte.

Sowohl in meiner Arbeit als Designerin, als auch als Bühnenbildnerin und bildende Künstlerin waren schon immer das menschliche Dasein und die Gestaltung des Andersseins, zentrale Aspekte meiner thematischen Suche. Den Kern meiner künstlerischen Arbeit bildet der Wunsch, das Transzendente und das Immanente der Existenz zu entschlüsseln.

Seit meiner Kindheit lebte ich in einer Welt, in der es von magischen Wesen, Geistern und auch Dämonen nur so wimmelte - in einem Land, in dem indigene Gottheiten und christlich-katholische Gebräuche in einem religiösen Synkretismus sich vermischen.

Meine Kindheit verbrachte ich in Chile während der Zeit der Militärdiktatur. Die Ereignisse jener Zeit katapultierten die Vorstellung vom Bestialischen und Monströsen im Menschen tief ins Imaginäre meiner Generation. Der magische Realismus, der unserer Kultur Gestalt verlieh, war täglich mit dieser Realität verbunden und gab denjenigen, die gegen die Diktatur kämpften, die Möglichkeit, unserer Opposition Ausdruck zu verleihen, ohne unser Leben in Gefahr zu bringen. Die Metapher, in unserer Sprache und in der Kunst, wurde ein Mechanismus der Rebellion, um etwas sagen zu können, dass von der Diktatur verboten war.

Nach meinem Studium an der Designschule der Katholischen Universität von Chile und später  meinem Kunst- und Theater-Studium an der Universität von Chile reiste ich für einige Zeit in den Dschungel des Amazonas (nach Bolivien und Brasilien), in eine Region, in der das Leben in Üppigkeit geradezu überläuft, wo die Natur und ihre imposante Kraft dem Dasein Gestalt und Sinn verleihen. Dort nahm ich an schamanischen Riten mit indigenen Völkern und Santeros teil, zu denen u.a. das Ayahuasca-Gebräu gehörte. Diese Reise in den Dschungel eröffnete mir eine neue Betrachtungsweise, parallele Realitäten wahrzunehmen, in denen Flora, Fauna, Menschen, immaterielle Wesen, Dämonen und Ahnengottheiten zusammenleben.

Man könnte meinen, dass in der Landschaft des Amazonas Mythos und Magie zusammenfließen, mit einer Kraft, wie sie in den sinnstiftenden Erzählungen anderer Landschaften nicht zu finden ist.

Heute lebe ich in einer Stadt in Norddeutschland. In einer Landschaft, in der Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammenleben. Ich höre jeden Tag verschiedene Sprachen und gehe durch Straßen, die von dieser Vielfalt geprägt sind.

Tag für Tag sind meine Aktivitäten konfrontiert mit den brutalen Auswirkungen von Kriegen und Terror-Angriffen sowie mit dem Leid von flüchtenden Menschen und so vieler, die im Mittelmeer ertrunken sind. Und dann komme ich zurück zu meinen Träumen und Visionen voller magischer Wesen und Dämonen, zu Leben und Tod, Schönheit und Bestialität.

Eine Konfiguration von multipler und zyklischer Realität, schwindelerregend und ruhig zugleich, als ob das Leben sich selbst am Rande der Zeit niederlassen würde und gleichzeitig einer unmittelbar bevorstehenden und unsichtbaren Veränderung gegenüber stünde ...

Die Wirklichkeit erscheint mir dann in Fragmenten, wie unförmige Flecken, in denen Licht und Schatten ab und zu verborgene Seiten der Welt und der menschlichen Natur sichtbar machen.


CRISTINA COLLAO